Gleiches zieht Gleiches an: Nach dem Gesetz der Anziehung bringen dir deine Gedanken die Menschen, Umstände und Erfahrungen, die ihnen entsprechen. Kaum eine Idee aus der Lebenshilfe ist so bekannt und so umstritten. Wir zeigen, woher sie stammt, was Charles F. Haanel im Master Key System darunter versteht, was die Forschung dazu sagt und wie du den Kern, der sich halten lässt, im Alltag nutzen kannst.
Was ist das Gesetz der Anziehung?
Das Gesetz der Anziehung (englisch law of attraction) ist die Überzeugung, dass Gedanken und Gefühle wie ein Magnet wirken. Wer sich auf Fülle, Gesundheit oder Liebe ausrichtet, zieht nach dieser Lehre Entsprechendes an; wer in Sorge und Mangel denkt, leider ebenso. Im Deutschen heißt dieselbe Vorstellung oft auch Gesetz der Resonanz oder Resonanzgesetz.
Ein Naturgesetz im Sinne der Physik ist das nicht, auch wenn die Sprache daran erinnert. Es ist ein Leitsatz der Lebenshilfe-Literatur, der sich auf Erfahrungen beruft, nicht auf Messungen. Das macht ihn nicht wertlos, aber du solltest wissen, womit du es zu tun hast.
Woher das Gesetz der Anziehung stammt
Den einen Erfinder gibt es nicht. Der Ausdruck taucht bereits 1855 bei dem amerikanischen Spiritisten Andrew Jackson Davis auf. Als allgemeines Lebensprinzip beschrieb ihn in den 1880er-Jahren der Schriftsteller Prentice Mulford, etwa in seinem Essay The Law of Success. Groß wurde die Idee in der amerikanischen Neugeist-Bewegung (New Thought), die lehrte, dass der Geist die Lebensumstände formt.
1906 veröffentlichte William Walker Atkinson, einer ihrer bekanntesten Autoren, in Chicago das Buch Thought Vibration or the Law of Attraction in the Thought World. Darin heißt es: „Gleiches zieht Gleiches an in der Welt der Gedanken – was ihr sät, das werdet ihr ernten.“ Zwei Jahre später erwähnt auch das Kybalion ein Gesetz der Anziehung, allerdings nur als eine Seite des Gesetzes von Ursache und Wirkung. Zu den sieben hermetischen Gesetzen gehört es also nicht, auch wenn das oft zu lesen ist.
Ab 1912 erschien das Master Key System von Charles F. Haanel, zuerst als Fernkurs in 24 Wochenlektionen, 1916 als Buch. Haanel greift das Gesetz der Anziehung in 13 seiner 24 Lektionen auf. Weltweit bekannt wurde die Idee schließlich 2006 durch den Film The Secret und das gleichnamige Buch von Rhonda Byrne, das 2007 auf Deutsch erschien. Seitdem verbinden viele mit dem Gesetz der Anziehung vor allem eine Technik: sich das Gewünschte so lebhaft vorzustellen, als wäre es schon da.
Was Haanel im Master Key System darunter versteht
Haanels Fassung unterscheidet sich in einem wichtigen Punkt von dem, was heute meist verbreitet wird. Ihm geht es nicht um einzelne Wünsche, sondern um die Haltung, die dein Denken auf Dauer prägt. Den Kernsatz formuliert er in Lektion 8:
„Das Gesetz der Anziehung wird dir mit Sicherheit und unfehlbar die Bedingungen, die Umgebung und die Erfahrungen im Leben bringen, die deiner gewohnten, kennzeichnenden, vorherrschenden geistigen Haltung entsprechen.“
Gleich danach stellt er klar, was zählt: nicht das, was du hin und wieder denkst, etwa nach einem guten Buch, sondern deine vorherrschende Haltung. Drei weitere Gedanken ziehen sich durch den Kurs:
- Es kommt, was dir entspricht, nicht was du dir wünschst. Das Gesetz bringt uns nach Haanel weder die Dinge, die wir gern hätten, noch die, die andere haben, sondern „das Unsere“ (Lektion 5).
- Ein geschulter Wunsch wirkt, ein vager nicht. Den geschulten Wunsch nennt Haanel das wirksamste Mittel, das Gesetz in Gang zu setzen; die Liebe ist für ihn sein Kern (Lektion 12).
- Wer das Gesetz anwendet, setzt Ursachen. Damit beginnt nach Haanel eine Kette von Ursachen, deren Folgen weit reichen können, im Guten wie im Schlechten (Lektion 11). Eine ganze Lektion widmet er dem Wirken der Anziehungskraft (Lektion 18).
Vor allem verbindet Haanel das Gesetz mit täglicher Übung. Bevor sein Kurs mit inneren Bildern arbeitet, trainiert er vier Wochen lang Stillsitzen, das Anhalten der Gedanken und Entspannung (Lektion 1 bis Lektion 4). Das unterscheidet ihn deutlich von der Vorstellung, ein paar Minuten Wunschdenken am Tag genügten.
Ist das Gesetz der Anziehung wissenschaftlich bewiesen?
Nein. Für die Annahme, dass Gedanken wie ein Magnet Geld, Dinge oder Menschen anziehen, gibt es keinen wissenschaftlichen Beleg. Die englischsprachige Wikipedia hält fest, dass empirische Belege fehlen und die Lehre weithin als Pseudowissenschaft gilt. Die deutschsprachige nennt die Behauptung radikaler Vertreter, jeder Wunsch lasse sich „manifestieren“, wissenschaftlich haltlos. Begriffe wie Schwingung, Frequenz oder Energie stammen zwar aus der Physik, werden hier aber nur im übertragenen Sinn gebraucht.
Aus der Luft gegriffen ist die Idee trotzdem nicht. Mehrere gut untersuchte Effekte zeigen, dass deine Gedanken tatsächlich beeinflussen, was du erlebst, nur eben auf ganz natürlichem Weg.
Die selbsterfüllende Prophezeiung
Der Soziologe Robert K. Merton beschrieb 1948, wie eine zunächst falsche Annahme ein Verhalten auslöst, das sie am Ende wahr werden lässt. Wer erwartet, abgelehnt zu werden, tritt zurückhaltend auf und wird eher übersehen. Die Erwartung bestätigt sich, ganz ohne geheimnisvolle Kräfte.
Der Bestätigungsfehler
Menschen suchen und deuten Informationen bevorzugt so, dass sie zu ihren Überzeugungen passen. Der Psychologe Raymond S. Nickerson hat diesen Bestätigungsfehler 1998 in einer viel zitierten Übersichtsarbeit beschrieben. Wer an das Gesetz der Anziehung glaubt, bemerkt deshalb vor allem die Fälle, in denen es „funktioniert“ hat, und vergisst die anderen.
Positive Fantasien können bremsen
Besonders aufschlussreich sind die Studien der Psychologin Gabriele Oettingen. Sie unterscheidet positive Erwartungen, die auf Erfahrung beruhen, von positiven Fantasien, also dem Ausmalen einer idealen Zukunft. In vier Studien, unter anderem zu Jobsuche, Prüfungen und der Genesung nach einer Hüftoperation, gingen positive Erwartungen mit mehr Einsatz und Erfolg einher, positive Fantasien dagegen mit weniger (Oettingen und Mayer 2002). In späteren Experimenten senkten positive Fantasien messbar die Energie, mit der Menschen an ihre Ziele herangingen (Kappes und Oettingen 2011).
Konkrete Pläne wirken
Was hilft, ist ebenfalls gut belegt: Wenn-dann-Pläne. Wer vorher festlegt, was er in einer bestimmten Lage tun wird, erreicht seine Ziele deutlich häufiger. Eine Auswertung von 94 Untersuchungen fand einen mittleren bis großen Effekt (Gollwitzer und Sheeran 2006).
Unterm Strich: Bloßes Wünschen und Ausmalen bringt dich nicht ans Ziel und kann sogar Antrieb kosten. Eine klare Haltung, ein ehrlicher Blick auf Hindernisse und konkrete Schritte helfen dagegen nachweislich. Das passt erstaunlich gut zu Haanel, der die vorherrschende Haltung und das tägliche Üben betont, nicht das gelegentliche Wünschen.
Warum das Gesetz der Anziehung oft nicht funktioniert
- Wünschen statt Handeln: Wer sich das Ziel nur ausmalt, fühlt sich schon ein wenig am Ziel und strengt sich weniger an. Genau das zeigen die Studien von Oettingen.
- Hindernisse werden ausgeblendet: Wer nur positiv denken darf, plant nicht für Rückschläge und gibt beim ersten auf.
- Gedanken statt Haltung: Haanel spricht von der vorherrschenden Haltung. Eine Affirmation am Morgen ändert sie nicht, beständiges Üben schon eher.
- Fremde Ziele: Wer etwas nur will, weil andere es haben, jagt nach Haanel Zeichen nach statt Wirklichkeit. Geld, Ruhm und Stellung sind für ihn nur Zeichen der Macht (Lektion 17).
Die Schattenseite: Schuld und Druck
Das Gesetz der Anziehung hat eine Kehrseite, über die selten gesprochen wird. Wenn deine Gedanken alles angezogen hätten, was dir geschieht, dann wären Kranke, Arme oder Opfer eines Unglücks selbst schuld. Die deutschsprachige Wikipedia führt die radikale Form der Lehre auf einen Gerechte-Welt-Glauben zurück, die Annahme, dass jeder bekommt, was er verdient. Wir halten diese Folgerung für falsch und für schädlich: Krankheit, Armut und Unglück haben viele Ursachen, die niemand mit Gedanken allein steuert.
Ebenso wenig hilft der Druck, nur noch positiv denken zu dürfen. Trauer, Wut und Angst haben ihren Sinn, und wer sie bloß unterdrückt, ist sie damit nicht los. Bei gesundheitlichen Beschwerden gehört ärztlicher Rat dazu, bei anhaltender Niedergeschlagenheit psychotherapeutische Hilfe. In einer akuten Krise erreichst du die TelefonSeelsorge rund um die Uhr kostenlos unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222.
So nutzt du den wahren Kern: fünf Schritte
Was bleibt, wenn man die Übertreibungen abzieht? Ein brauchbares Werkzeug, das Haanels Gedanken mit dem verbindet, was die Forschung stützt.
- Formuliere einen klaren Wunsch. Schreib in einem Satz auf, was du erreichen willst, und zwar so, dass es in deiner Hand liegt: nicht „ein besseres Leben“, sondern „bis zum Sommer zehn Kilometer am Stück laufen“. Haanel verlangt ein scharf umrissenes Ideal (Lektion 12).
- Stell dir das beste Ergebnis vor, aber kurz. Male dir zwei, drei Minuten lang aus, wie es sich anfühlt, wenn du es geschafft hast. Das gibt Richtung und Antrieb.
- Benenne das Hindernis in dir. Frag dich, was in dir selbst im Weg steht: Bequemlichkeit, Angst vor Ablehnung, Ablenkung? Diesen Schritt lassen die meisten Anleitungen weg, dabei macht er nach Oettingens Forschung den Unterschied. Sie nennt die Verbindung von Wunsch und Hindernis mentales Kontrastieren und hat daraus die Methode WOOP entwickelt (Wish, Outcome, Obstacle, Plan: Wunsch, Ergebnis, Hindernis, Plan).
- Mach einen Wenn-dann-Plan. Leg für dein Hindernis eine Antwort fest, nach dem Muster „wenn …, dann …“. Zum Beispiel: Wenn du abends keine Lust hast, ziehst du trotzdem die Laufschuhe an und gehst zehn Minuten. Solche Pläne wirken, weil sie die Entscheidung vorwegnehmen.
- Übe die Haltung täglich. Haanels Übungen trainieren, was der Wunsch allein nicht leistet: Ruhe, Konzentration und ein klares inneres Bild. Beginne mit dem Stillsitzen aus Lektion 1 und nimm dir Woche für Woche die nächste Übung vor; alle findest du in unserer Übersicht Master Key System Übungen: alle 24 im Überblick. Führ außerdem ein kurzes Protokoll, was du getan hast und was passiert ist, auch was nicht geklappt hat. Das schützt dich vor dem Bestätigungsfehler.
Wie du lernst, deine Gedanken zu lenken, statt ihnen ausgeliefert zu sein, zeigt unser Artikel Gedanken kontrollieren lernen.
Gesetz der Anziehung, Resonanz und Polarität
In Ratgebern begegnen dir neben dem Gesetz der Anziehung weitere „Gesetze“. Das Gesetz der Resonanz meint meist dasselbe, betont aber das Mitschwingen statt des Anziehens; mehr dazu in unserem Artikel über das Gesetz der Resonanz. Das Gesetz der Polarität dagegen stammt aus dem Kybalion und beschreibt, wie Gegensätze zusammenhängen. Einen Überblick über alle sieben Gesetze des Kybalions gibt unser Artikel Die 7 hermetischen Gesetze einfach erklärt.
Häufige Fragen zum Gesetz der Anziehung
Was besagt das Gesetz der Anziehung?
Dass Gedanken und Gefühle Erfahrungen anziehen, die ihnen entsprechen: Gleiches zieht Gleiches an. Charles F. Haanel fasst es so: Das Gesetz bringt dir die Bedingungen und Erfahrungen, die deiner vorherrschenden geistigen Haltung entsprechen.
Ist das Gesetz der Anziehung wissenschaftlich bewiesen?
Nein. Gut belegt sind aber verwandte Effekte: die selbsterfüllende Prophezeiung, der Bestätigungsfehler und die Wirkung konkreter Pläne. Das bloße Ausmalen eines Wunsches kann dagegen sogar Antrieb kosten.
Wer hat das Gesetz der Anziehung erfunden?
Niemand allein. Der Ausdruck findet sich 1855 bei Andrew Jackson Davis, als Lebensprinzip in den 1880er-Jahren bei Prentice Mulford. 1906 trug ein Buch von William Walker Atkinson ihn im Titel, ab 1912 machte Charles F. Haanel ihn im Master Key System zum Kernthema, und 2006 machte ihn der Film The Secret weltweit bekannt.
Lässt sich mit dem Gesetz der Anziehung eine bestimmte Person gewinnen?
Nein. Die Gefühle eines anderen Menschen gehören ihm, und keine Technik kann sie lenken. Gut belegt ist allerdings, dass sich Menschen zu anderen hingezogen fühlen, die ihnen ähnlich sind oder ähnlich erscheinen. Das wirkt über ganz gewöhnliche Psychologie, über Gemeinsamkeiten und Begegnungen, nicht über Gedankenkraft.
Was hat das Gesetz der Anziehung mit The Secret zu tun?
Der Film The Secret (2006) und das gleichnamige Buch von Rhonda Byrne haben das Gesetz der Anziehung weltweit bekannt gemacht. Im Mittelpunkt steht dort das Visualisieren von Wünschen. Haanels Master Key System legt den Schwerpunkt dagegen auf die vorherrschende Haltung und auf tägliche Übung.
Gehört das Gesetz der Anziehung zu den hermetischen Gesetzen?
Nein. Das Kybalion von 1908 erwähnt es nur als einen Aspekt des Gesetzes von Ursache und Wirkung, nicht als eigenes Prinzip.
Quellen
- Charles F. Haanel: The Master Key System, ab 1912, als Buch 1916; englisches Original bei psitek.net, zitiert nach Teil 8 (Absatz 18) sowie Teil 5, 11 und 12. Die Übersetzungen sind unsere eigenen.
- William Walker Atkinson: Thought Vibration or the Law of Attraction in the Thought World. New Thought Publishing, Chicago 1906, Kapitel I; archive.org
- Three Initiates: The Kybalion. Yogi Publication Society, Chicago 1908, Kapitel I; gemeinfrei bei Project Gutenberg
- Rhonda Byrne: The Secret, Film und Buch 2006; deutsch: The Secret – Das Geheimnis, Arkana, München 2007
- R. K. Merton: The Self-Fulfilling Prophecy. In: The Antioch Review 8 (2), 1948, S. 193–210, doi:10.2307/4609267
- R. S. Nickerson: Confirmation Bias: A Ubiquitous Phenomenon in Many Guises. In: Review of General Psychology 2 (2), 1998, S. 175–220, doi:10.1037/1089-2680.2.2.175
- G. Oettingen, D. Mayer: The Motivating Function of Thinking About the Future: Expectations Versus Fantasies. In: Journal of Personality and Social Psychology 83 (5), 2002, S. 1198–1212, doi:10.1037/0022-3514.83.5.1198
- H. B. Kappes, G. Oettingen: Positive Fantasies About Idealized Futures Sap Energy. In: Journal of Experimental Social Psychology 47 (4), 2011, S. 719–729, doi:10.1016/j.jesp.2011.02.003
- P. M. Gollwitzer, P. Sheeran: Implementation Intentions and Goal Achievement: A Meta-Analysis of Effects and Processes. In: Advances in Experimental Social Psychology 38, 2006, S. 69–119, doi:10.1016/S0065-2601(06)38002-1
- G. Oettingen: Die Psychologie des Gelingens. Pattloch, München 2015; zur Methode WOOP: woopmylife.org
- R. M. Montoya, R. S. Horton, J. Kirchner: Is Actual Similarity Necessary for Attraction? In: Journal of Social and Personal Relationships 25 (6), 2008, S. 889–922, doi:10.1177/0265407508096700
- Wikipedia: Gesetz der Anziehung und, englisch, Law of attraction (New Thought), abgerufen im November 2026, unter anderem zu Davis und Mulford


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